#FactoryWisskomm: Wissenschaft kommuniziert - aus der Nähe, auf Abstand

24.06.2021

Auf Einladung von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) haben sich seit September 2020 Vertreterinnen und Vertreter von Wissenschafts- und Forschungsorganisationen sowie aus der Wissenschaftskommunikation und dem Wissenschaftsjournalismus mehrfach zu einer Denkfabrik getroffen, der #FactoryWisskomm. Über die Ergebnisse, die gestern Abend vorgestellt wurden, die wichtigsten Lehren aus der Pandemie sowie das Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Politik spricht Professor Matthias Kleiner, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, im Interview.

Prof. Dr. Matthias Kleiner, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft

Herr Kleiner, gestern sind die Ergebnisse der #FactoryWisskomm vorgestellt worden. Was zeichnet gute Wissenschaftskommunikation aus Ihrer Sicht aus?

Gute Wissenschaftskommunikation heißt: Exzellente Forschung hervorragend kommuniziert. Denn schlechte Wissenschaft lässt sich nicht gut kommunizieren. Und dabei ist es wichtig, Wissenschaft als einen Erkenntnisprozess darzustellen. Dazu gehören dann auch Rückschläge und Zweifel, die vermittelt werden sollten. Wissenschaft ist keine Aneinanderreihung von Wahrheiten. Und man sollte sich immer vorab schon überlegen, wen man mit seiner Kommunikation eigentlich erreichen möchte. Nur so ist möglich, in Dialog zu treten und sich auszutauschen.

Sie haben die Arbeit der #FactoryWisskomm als Pate der Arbeitsgruppe Kompetenzaufbau aus nächster Nähe erlebt. Was sind die Kompetenzen, die erforderlich sind? Und woran hakt es in Deutschland noch?

Wir sollten vor allem junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunächst einmal ermuntern, aber auch befähigen, gut über ihre Arbeit zu kommunizieren. Und seien wir ehrlich: da ist sicherlich in Deutschland mehr möglich als bisher. In den USA etwa gehören die Kommunikation, ja geradezu das Marketing mit zur Ausbildung. Was die nötigen Kompetenzen angeht, so müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gezielt lernen können, Sachverhalte auch einmal zu vereinfachen und zu komprimieren. Natürlich braucht es oft auch eine längere Antwort, um einen komplexen Sachverhalt zu beschreiben, aber grundsätzlich sollten kurze und prägnante Erklärungen das Ziel sein. 

Wer ist beim Kompetenzaufbau gefordert? Und wie soll er erfolgen? Ein Crashkurs an einem Wochenende dürfte nicht reichen.


Gefordert sind da aus meiner Sicht insbesondere die wissenschaftlichen Einrichtungen. Deren Leitungen sollten das Thema Kommunikation stärker im Blick haben. Ich würde den Kompetenzaufbau allerdings nicht in starre Formen gießen. Wer Interesse und vielleicht auch eine gewissen Begabung hat, der sollte sich auf diesem Feld ausprobieren, Blogs, Twitter oder YouTube nutzen, aber eben auch dort Hilfestellung bekommen, wo es erforderlich ist.

Gerade junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beklagen oft, dass ihr Engagement in der Kommunikation vom Wissenschaftssystem überhaupt nicht honoriert wird. Haben sie recht?


Nein, ich denke, Leistungen und Engagement auf dem Gebiet der Wissenschaftskommunikation werden zunehmend wahrgenommen. Auch bei der Bewertung von Anträgen für Forschungsprojekte dürften Aspekte der Wissenschaftskommunikation künftig eine wichtigere Rolle spielen. Hinzu kommt: Wer als junger Wissenschaftler und junge Wissenschaftlerin über die eigene Forschung spricht, reflektiert sich auch und hinterfragt, was er oder sie eigentlich genau tut. Das ist wichtig, von so einem Denken lebt die Wissenschaft. Damit kann Wissenschaftskommunikation auch zu einer Qualitätssteigerung der Forschung beitragen; es ist mitnichten so, dass die Wissenschaft automatisch unter einem kommunikativen Engagement leidet.

Ist bei Ihnen nach den Erfahrungen mit der Corona-Pandemie die Hoffnung größer, dass eine gute Kommunikation das Vertrauen in die Wissenschaft und die Akzeptanz von Innovationen erhöhen kann oder aber bringt die oft zu sehende Wissenschaftsfeindlichkeit die Forschung künftig mehr und mehr in die Defensive? 


Ich bin da optimistisch. Die Wissenschaft konnte sich in der Pandemie beweisen, zeigen, was sie kann und wie sie vorgeht - etwa bei der so schnellen Entwicklung eines Impfstoffes. Dennoch müssen wir uns mit den die Angriffe auf die Wissenschaft auseinandersetzen. Das ist zwar kein neues Phänomen, doch die Angriffe haben durch die sozialen Medien eine viel größere Wucht, weil die Reichweite - vor allem von negativen Botschaften - so enorm groß ist. Hier sind allerdings auch die Medien gefordert und müssen ihrer Verantwortung gerecht werden. Wenn 98 Prozent der Wissenschaftler eine evidente Position vertreten, kann ich in einer Talkshow nicht gleichberechtigt einen Vertreter einer abwegigen Minderheitenmeinung daneben setzen. Das ergibt ein völlig verzerrtes Bild.

Christian Drosten hat während der Pandemie bittere Erfahrungen machen müssen, weil er die Spielregeln der Medien teils nicht kannte. Was haben Sie gelernt in dieser Zeit?


Man sollte als Wissenschaftler öfter gelassen bleiben. Wer immer auf alles sofort reagiert, befördert, dass sich Diskussion hochschaukeln, es zu immer stärkeren Schwingungen kommt. Wichtig scheint mir aber, in solchen Situationen sachgerecht dämpfend zu wirken, ansonsten kommt es zum Überschwingen, zur Resonanzkatastrophe - damit kennen wir Ingenieure uns gut aus.

Gleichzeitig ist Christian Drosten auch zu einem Gesicht der Wissenschaft geworden. Hilft das der Wissenschaft?


Unbedingt! Wir müssen die Vermittlung unserer Erkenntnisse stärker mit Personen verbinden, die auch die Prozesse in der Wissenschaft gut beschreiben können. Christian Drosten hat da außerordentlich viel geleistet, er ist aber nicht der einzige. Auch die MOSAIC-Expedition in die Arktis ist so als spannendes Narrativ vermittelt worden. Dort stand etwa der Expeditionsleiter Markus Rex und andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Monate im Fokus, auch das war wichtig.

Was ist für Sie persönlich die wichtigste Erkenntnis aus der Arbeit der #FactoryWisskomm?


Zunächst einmal war es eine gute Plattform für den persönlichen, direkten Erfahrungsaustausch der Akteure, eher nicht von Organisationen insgesamt. Diskutiert wurde dabei ja auch die Frage, ob wir in Deutschland eine neue Institution für Wissenschaftskommunikation benötigen. Ich persönlich halte nichts davon und habe mich klar gegen diesen Vorschlag ausgesprochen. Die Kommunikation der eigenen Forschung und Wissenschaft ist ein zentrales Element des autonomen Handelns der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ihrer Institutionen. Und unabhängig davon brauchen  wir einen starken, kritischen Wissenschaftsjournalismus. In diesem Zusammenhang ist mir aber auch noch sehr wichtig, auch nach den Erfahrungen der Pandemie, dass die Bereiche Medien, Politik und Wissenschaft in einer angemessenen Distanz voneinander agieren, „at Arm’s Length“, andernfalls verlieren wir die notwendige Unabhängigkeit. In der politischen Kommunikation ist dies vollkommen selbstverständlich.

Wie erlebt Matthias Kleiner als Privatperson Wissenschaftskommunikation? Welche Formate und Sendungen und Formate gefallen Ihnen besonders gut?


Ich kann da die berufliche und private Sicht ehrlicherweise kaum trennen. Und was beste Formate allgemein betrifft, sollten Sie vielleicht auch eher jüngere Leute befragen. Aber ich persönlich mag Formate, die auch eine persönliche Komponente haben und ein Narrativ. Neulich habe ich die Geschichte eines Ökobauern von der Schwäbischen Alb gehört, der sich auf die Suche nach alten Linsensorten aus seiner Heimat gemacht hat, die er wieder anbauen wollte. Das hat ihn auch zum IPK Leibniz-Institut nach Gatersleben und nach St. Petersburg geführt. In der Geschichte steckt viel Wissenschaft, aber auch Emotionen und viel Solidarität. So etwas gefällt mir.