Gute Wissenschaftskommunikation: Dialog statt Einbahnstraße

29.09.2020

Als @ForscherRobert hat sich Robert Hoffie, Doktorand am IPK, auf Twitter schnell einen Namen gemacht. Auf Einladung von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) ist er nun auch bei der #FactoryWisskomm dabei, die Anfang dieser Woche erstmals zusammenkam. Im Interview erklärt der 29-Jährige, was ihn antreibt, warum Kommunikation für Forscher immer wichtiger wird und warum gerade die Pflanzenwissenschaft unterschätzt wird.

Robert Hoffie

  • Wie sind Sie als junger Doktorand dazu gekommen, neben Ihrer Forschungsarbeit auch in die Wissenschaftskommunikation einzusteigen? Was treibt Sie an, was ist Ihre Motivation?
Schon während des Studiums habe ich die Debatte um die Grüne Gentechnik verfolgt und in Online-Foren an Diskussionen teilgenommen. Anfang 2017 habe ich mir dann einen Twitter-Account eingerichtet. Im Frühjahr 2017 stand mein Chef Jochen Kumlehn plötzlich mit einer Radiojournalistin im Labor und beide fragten mich, was ich da gerade mache. Das wurde am Ende Teil einer 30-minütigen Reportage für SWR2. Und so ergab einfach eins das andere. Die Motivation dabei ist, die Sicht der Forschenden in die Debatte einzubringen. Wir arbeiten hier in einem Bereich der Pflanzenforschung, der teils kontrovers diskutiert wird. Da ist es schon sinnvoll, dass wir uns aus der praktischen Forschung heraus auch in die öffentliche Diskussion einbringen.
  • Als @ForscherRobert haben Sie in sehr kurzer Zeit bei Twitter einen Namen gemacht. Gerade auf den Social-Media-Kanälen wird mitunter kontrovers diskutiert. Wie würden Sie Ihre Rolle dort beschreiben? Und was nehmen Sie aus den kontroversen Diskussionen mit?  
Ich sehe mich dort einfach als Teilnehmer in diesen, das stimmt, oft kontroversen Debatten. Die Politik muss natürlich immer viele Aspekte betrachten und kann nicht ohne weiteres 1:1 umsetzen, was aus rein wissenschaftlicher Sicht geboten wäre. Das haben wir zu Beginn der der Corona-Krise deutlich mitbekommen, als ein kompletter Lockdown aus epidemiologischer Sicht sicherlich sinnvoll gewesen wäre, aber eben auch das öffentliche Leben zum Erliegen gebracht hätte. Also müssen Kompromisse her. Diese sollten aber auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Um diese Perspektive in die öffentliche und politische Diskussion einzubringen, bin ich dort aktiv.
  • Sie sind von der Sektion Pflanzenphysiologie und Molekularbiologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft im Februar mit dem Preis für Wissenschaftskommunikation ausgezeichnet worden. In der Laudatio hieß es, es bräuchte viel mehr Kollegen wie Sie. Sehen Sie sich als Wegbereiter? Und was bedeutet der Preis für Sie?
Ich habe mich natürlich gefreut. In der Diskussion um Wissenschaftskommunikation ist es immer wieder Thema, dass sie noch zu selten als Teil der wissenschaftlichen Arbeit gesehen wird. Und ich beteilige mich gern daran, diese Auffassung zu ändern.
  • Und wird die Kommunikation künftig zum Arbeitsalltag eines Wissenschaftlers gehören?
Ja, davon gehe ich aus. In anderen Ländern ist man da schon weiter, in Großbritannien etwa hat Wissenschaftskommunikation bereits einen höheren Stellenwert. Aktuell gibt es politische Bestrebungen wie die #FactoryWisskomm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das auch in Deutschland zu verbessern, und ich begrüße das sehr.
  • Wie viel Zeit wenden Sie für Wissenschaftskommunikation auf? Und wie schwierig wird es sein, die Balance zwischen Wissenschaftskommunikation und Wissenschaft zu finden?
Ich kann das schwer in Stunden ausdrücken. Aber es klappt meistens ganz gut, die Kommunikation in den Arbeitsalltag zu integrieren. Vorträge benötigen natürlich etwas Vorbereitungszeit und sind manchmal mit Reisen verbunden. Aber Twitter als schnelles Medium geht auch gut einfach zwischendurch. Ich habe schon Tweets nebenbei beim Einkaufen geschrieben. Natürlich ist es auch bei mir so, dass ich in besonders arbeitsreichen Zeiten zuerst bei der Kommunikation kürze statt auf ein Experiment zu verzichten. Es geht ja nur darum, dass Kommunikation ein Teil des wissenschaftlichen Arbeitens wird und nicht die Hauptaufgabe. Aber auch dafür muss sich noch am ganzen System etwas ändern.
  • Wie weit sollte sich die Wissenschaft in Debatten einmischen? Und welche Rolle schrieben Sie der Wissenschaft im Zusammenspiel mit Politik, Medien und Öffentlichkeit zu?
Wissenschaft generiert Wissen. Und auf diesem Wissen sollten gesellschaftliche Debatten bestenfalls aufbauen. Dafür ist es wichtig, dass wir Wissenschaftler als Ansprechpartner für die Gesellschaft zur Verfügung stehen und unsere Arbeit erklären. Aber natürlich müssen wir auch zuhören. Gute Wissenschaftskommunikation ist immer ein Dialog, keine Einbahnstraße. Wer nicht gut zuhört, redet schnell an den Menschen vorbei. Idealerweise stehen am Ende gesellschaftlicher Diskussionen politische Entscheidungen. Und Politik bedeutet, Kompromisse zu finden.
  • Und warum hat die Wissenschaftskommunikation in den vergangenen Jahren so an Bedeutung gewonnen? Und was zeichnet gute Wissenschaftskommunikation aus?
Die Debatten sind emotionaler und aufgeregter geworden. Damit steigt erst recht der Bedarf an sachlicher Analyse. Das Wissenschaftsbarometer zeigt uns jedes Jahr, dass das Vertrauen in Wissenschaft, insbesondere von öffentlichen Forschungseinrichtungen, sehr hoch ist. Die Gesellschaft nimmt uns also als vertrauenswürdige Beratungsinstanz war. Die Zeiten, in denen sich die Wissenschaft in den Elfenbeinturm zurückzieht, sind vorbei, vor allem in den sozialen Medien. Hier geht es um Austausch. Wissenschaftskommunikation zu machen, ist oft eine Gratwanderung. Man sollte verständlich sein, aber dabei auch nicht zu sehr vereinfachen. Mir gefällt hier der Begriff der „behutsamen Überforderung“. Viel öfter müssen wir auch noch das wissenschaftliche Arbeiten erklären. Also wie wir letztlich zu unseren Ergebnissen und damit zu unseren Einschätzungen kommen, anstatt uns auf das kommunizieren unserer reinen Ergebnisse zu beschränken. Wichtig ist ein respektvoller Ton, auch im ersten Moment seltsam anmutende Fragen ernst nehmen, nicht belehrend auftreten. Wichtig ist wie in der Forschung selbst, sich immer wieder selbst zu hinterfragen.
  • Themen wie der Klimawandel sind in aller Munde. Ihr Forschungsgebiet spielt bisher oft nur eine Nebenrolle. Wird Pflanzenwissenschaft unterschätzt?
Pflanzenwissenschaft wird definitiv unterschätzt, weil schon Pflanzen unterschätzt werden. Dabei sind Pflanzen unheimlich faszinierend, vielfältig und nicht zuletzt die Grundlage unseres Lebens. Das muss auf jeden Fall noch eine größere Öffentlichkeit finden. Ich bedaure es deswegen häufig, dass die Grüne Gentechnik zwar noch eine vergleichsweise große öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, aber Pflanzenforschung insgesamt in ihrer Vielfalt und gesellschaftlichen Relevanz zu wenig wahrgenommen wird. Andere Themen haben es da einfacher. Bei medizinischer Forschung liegt es auf der Hand, aber auch Astronomie fasziniert Menschen schon lange. Erstaunt bin ich immer, wenn es so abstrakte Themen wie Teilchenbeschleuniger in die Nachrichten schaffen. Aber da ist es wohl auch ein Stück Faszination für die Größe und die Geldsummen. Für einen modernen Teilchenbeschleuniger könnte man ja leicht auch hundert Pflanzenkulturhallen bauen.
  • Sie arbeiten auch mit der Genschere CRISPR/Cas9. Warum ist der Einsatz solch moderner Methoden der Genomeditierung sinnvoll?
Wir stehen mit Blick auf den fortschreitenden Klimawandel, die wachsende Weltbevölkerung und abnehmende Biodiversität vor enormen Herausforderungen, für deren Bewältigung wir möglichst viele Optionen brauchen. Schaut man sich die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen an, so ist die Pflanzenforschung für eine Reihe von Aspekten extrem relevant - von der Hungerbekämpfung bis hin zu nachhaltig produzierten Rohstoffen. Zur Pflanzenforschung  gehören gentechnische Methoden, um in der Wissenschaft zu Erkenntnissen zu gelangen und diese in der Züchtung anzuwenden.
  • Warum sind ausgerechnet diese Methoden so umstritten?
Was ich aus vielen Diskussionen mitgenommen habe, ist, dass es selten die Gentechnik selbst ist, die im Fokus der Kritik steht, sondern vielmehr das, was mit ihr gemacht wird und wer sie anwendet. Die bisher im internationalen Maßstab verbreiteten Anwendungen - Herbizidtoleranz bei Soja, Mais und Raps und Insektenresistenz bei Mais und Baumwolle - haben zwar ihre Berechtigung, aber damit allein wird die Gentechnik ihrem Potenzial und auch den vielen Hoffnungen, die mit ihr verbunden werden, nicht gerecht. Das ist weniger ein naturwissenschaftliches Problem, sondern eher ein politisches, weil noch nicht der geeignete Rahmen gefunden wurde, der die Nutzung von gentechnischen Methoden möglichst vielen zugänglich macht und dabei auch sinnvolle und vielfältige Anwendungen fördert. Daher ist es umso wichtiger, auch hier noch stärker mit der Gesellschaft in Dialog zu treten.