Rund 6.000 Schülerinnen und Schüler kommen jedes Jahr ins Grüne Labor nach Gatersleben. Mit einer Festveranstaltung wurde das 20-jährige Jubiläum dieses in Deutschland einzigartigen Schülerlabors gefeiert.

Die aktuellen Daten der jüngsten Pisa-Studie haben Christine Köhler für ihren Festvortrag eine Steilvorlage geliefert. „In keiner der bisherigen Pisa-Erhebungen waren die Werte für die drei zentralen Kompetenzbereiche Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen bei den 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in Deutschland so niedrig“, sagte die Wissenschaftlerin des Leibniz-Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften auf der Festveranstaltung. Doch nicht nur das: „Die Fachkräfteengpässe in MINT-Berufen werden sich aufgrund der demografischen Entwicklung weiter verschärfen“, erklärte Christine Köhler zu Beginn ihres Vortrages mit dem Titel „Mehr als Experimente. Warum Schülerlabore unsere Zukunft stärken“.
Damit griff sie Themen auf, die vor 20 Jahren den Anstoß zur Gründung des Grünen Labors gaben. Heute ist es eines von 500 Schülerlaboren in Deutschland und nach den Worten von Sachsen-Anhalts Bildungsminister Jan Riedel, der per Videobotschaft zum Jubiläum gratulierte, das einzige mit dem Schwerpunkt Pflanzenforschung.
„Die Angebote des Grünen Labors, das weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus bekannt ist, ergänzen die Angebote an unseren Schulen auf hervorragende Weise“, betonte Jan Riedel. „Das Grüne Labor ist aber nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch der beruflichen Orientierung. „Es braucht Orte wie das Grüne Labor, an denen junge Leute frühzeitig erfahren: Wissenschaft ist spannend, Wissenschaft ist relevant und Wissenschaft bietet Zukunftsperspektiven.“
Eine Mission, die Laborleiterin Sandra Färber und ihr Team gerne erfüllen. „Ich bin sehr froh, dass es dieses Schülerlabor gibt, in dem wir unsere eigene Begeisterung für die vielen Facetten der Biologie an Interessierte weitergeben dürfen“, sagte sie. Das Ziel sei es, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Schule zu bauen. „Das eigene Experimentieren mit Erfolgen, aber auch Misserfolgen und unzählige Momente des Staunens sind genau das, was bei kleinen und großen Forschern eher im Kopf bleibt als das Auswendiglernen.“
Aus einer ersten Idee für eine Lehrerfortbildung heraus hat sich in zwei Jahrzehnten ein sehr erfolgreiches Projekt entwickelt. Jedes Jahr nehmen 6.000 Besucherinnen und Besucher im Labor und an weiteren Experimentierstationen - etwa auf Messen wie der „Grünen Woche“ in Berlin - an Kursen teil oder führen selbst Experimente durch.
„Wir wollen die Schulen weiterhin unterstützen und den Schülerinnen und Schülern praktische Einblicke in die Naturwissenschaften und die aktuelle Forschung geben und dadurch die Begabtenförderung und auch Berufsorientierung im MINT-Bereich unterstützen“, sagte Sandra Färber. „Gerade in Zeiten des Lehrermangels wollen wir eine verlässliche Anlaufstelle für Experimentalkurse und Unterstützung sein.“
Und die Arbeit des Grünen Labors trägt Früchte, wie das Beispiel von Amelie Dybus und Paul Lünenborg zeigt. Beide arbeiteten bereits seit der 8. Klasse an dem Thema „Wechselweizen - eine Antwort auf den Klimawandel“. Sie erkannten, dass die Weizenernte – und damit eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel – zunehmend vom Klimawandel bedroht ist. Ohne Kälteperiode gibt es bei den aktuellen Winterweizensorten keine hohen Erträge. Mithilfe genetischer Marker und in Feldversuchen fanden die beiden Winterweizensorten, die kältetolerant sind, aber keine Kälteperiode für die Entwicklung ihrer Ähren benötigen.
2021 wurden die beiden 15-jährigen Schüler mit ihrer Arbeit Landessieger im Wettbewerb „Jugend forscht“ und konnten am Bundeswettbewerb teilnehmen. „Alle Vorbereitungen und Präsentationen der digitalen Formate der „Jugend forscht“-Wettbewerbe wurden im Grünen Labor ausgeführt. Das Grüne Labor wurde beim Landeswettbewerb mit dem Sonderpreis als „Außerschulischer Lernort“ ausgezeichnet“, erklärte Sandra Färber. Und die Begeisterung für die Naturwissenschaften ist bei Amelie Dybus geblieben: Sie studiert in Dresden Chemie.
Wie sie die Angebote des Grünen Labors für die einzelnen Alters- und Klassenstufen an ihrer Schule nutzt, erklärte Elke Atzler, Leiterin der Sekundarschule LebenLernen in Schneidlingen. Seit 2010 kommen alle Klassenstufen ins Schülerlabor nach Gatersleben. „Es ist schön zu sehen, wie ausdauernd Kinder und Jugendliche sein können, wenn sie, wie hier, von einer Sache begeistert sind.“ Und die Kinder seien auch Multiplikatoren. „Sie berichten nicht nur in der Schule von ihren Erlebnissen, sondern auch zu Hause.“ Ein Punkt, den auch Jens Freitag aufgriff. „Es gibt niemanden in meinem Bekanntenkreis in der Region, der das Grüne Labor nicht kennt“, sagte der Leiter der Geschäftsstelle des IPK, der als Moderator durch die Festveranstaltung führte.
Doch das Grüne Labor ist seit seiner Gründung auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Stellvertretend für alle Unterstützer gratulierte Thomas Kühne aus dem Vorstand der Gisela - und Herrmann-Stegemann-Stiftung dem Schülerlabor zu „20 überaus erfolgreichen Jahren“ und versprach eine Fortsetzung der Unterstützung.
Das freute auch Nicolaus von Wirén, Vorstandsvorsitzender des Vereins zur Förderung des Grünen Labors und Geschäftsführender Direktor des IPK. „Pflanzenforschung ist heute so wichtig wie noch nie, und wir beobachten ein steigendes Interesse an den Lehrangeboten. Daher wollen wir nach dem Jubiläum neuen Schwung holen.“
Das wird auch Festrednerin Christine Köhler freuen. „Außerschulisches Lernen bietet viele Chancen, darunter den Austausch mit Forscherinnen und Forschern und den Aufbau einer guten Argumentationskompetenz“, so die Wissenschaftlerin. „Und Schülerlabore wie das Grüne Labor haben sich als qualitativ hochwertige Lernumgebungen fest etabliert.“
Eindrucksvoll umrahmt wurde das Festprogramm zum Jubiläum des Grünen Labors von zwei musikalischen Beiträgen. Dem IPK-Chor „Singing IPK“ und dem Pianisten Samuel Dähn, Schüler am Gymnasium Martineum Halberstadt.