Anne Krapp war eine der Keynote-Speaker bei der „Nitrogen 2026“. Im Interview spricht sie über die Tagung, die Bedeutung des Forschungsgebiets und ihre Erfahrungen am INRAE in Frankreich.

Sie stammen aus der Nähe von Köln, und sind über Stationen in Bayreuth und Heidelberg in Versailles gelandet. Wie kam es dazu?
Ich wollte Biochemie studieren, und zu meiner Zeit gab es nur vier Universitäten, an denen das möglich war, unter anderem Bayreuth. Promoviert habe ich dann 1994 in Heidelberg, weil es meinen Doktorvater dorthin verschlagen hatte. Er war es auch, der in mir die Begeisterung für die Pflanzenbiochemie geweckt hat. Als Postdoc habe ich dann zwischen 1994 und 1996 erstmals in Versailles gearbeitet und bei einem Theaterfestival in Avignon Nicolaus von Wirén kennengelernt, der damals in Montpellier war. Ihn jetzt, also rund 30 Jahre später, bei der „Nitrogen 2026“ in Gatersleben wiederzusehen, hat mich sehr gefreut.
Auf dem Programm standen an den vier Tagen mehr als 70 Vorträge und Präsentationen. Bei so einem Mammutprogramm braucht es sicher einen Rahmen…
Ja, das stimmt. Daher war es sehr gut, dass Nicolaus von Wirén als Gastgeber und Wim de Vries von der Universität Wageningen in den Niederlanden gleich zu Beginn die Bedeutung und Relevanz unseres Themas sehr gut eingeordnet haben. Wir erleben derzeit eine globale Stickstoffkrise, bedingt auch durch die politischen Krisen, die die Versorgung massiv einschränken. Doch nicht nur das: So wichtig Stickstoff für die Landwirtschaft ist, so groß sind auch die Probleme für die Umwelt, etwa durch Überdüngung. Für diese Herausforderungen muss die Wissenschaft nicht nur Antworten finden, sondern auch den Dialog mit der Gesellschaft führen.
Gelegentlich heißt es, Ihr Bereich sei ein Nischenthema. Wie reagieren Sie darauf?
Mit entschiedenem Widerspruch! Stickstoff ist kein Nischenthema. Wir geben aus guten Gründen sehr viel Geld für die medizinische Forschung aus. Aber wir müssen uns mit unserem Bereich wahrlich nicht verstecken. Etwas überspitzt formuliert: Was haben wir davon, wenn wir alle gesund sind, aber nichts zu essen haben?
Woran genau arbeiten Sie?
Mein Fokus liegt auf der Nährstoffaufnahme und der effizienten Nutzung von Stickstoff. Mich interessieren und faszinieren dabei die molekularen und biochemischen Prozesse. Mich motiviert, dass unsere Grundlagenforschung auf lange Sicht hoffentlich dazu führt, dass wir weniger Dünger auf den Feldern benötigen, weniger Umweltschäden verursachen und uns nachhaltiger und gesünder ernähren.
Welche Vorträge waren für Sie besonders interessant?
Zwei Vorträge möchte ich herausheben. Zhengao Di von der Universität Cambridge hat die Signalisationsprozesse von Stickstoff auf der Ebene der einzelnen Zelle untersucht, was heute mithilfe neuester Technologien möglich ist. Und Peng Yu von der Technischen Universität München hat eindrucksvoll die Bedeutung des Mikrobioms für die Stickstoffforschung herausgestellt. Das ist ein sehr wichtiger Bereich, der lange Zeit vernachlässigt wurde.
Wie haben Sie die Atmosphäre der Tagung erlebt?
Zunächst einmal hat das IPK die Tagung exzellent organisiert. Die Atmosphäre war an den vier Tagen sehr offen. Das sieht man schon daran, dass viele noch unveröffentlichte Ergebnisse vorgestellt wurden. Die Gruppe mit fast 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war sehr divers, sei es mit Blick auf die Herkunft, sei es mit Blick auf das Alter. Das Umfeld war zudem optimal, um viele Gespräche zu führen und neue Kooperationen anzubahnen.
War es Ihr erster Besuch am IPK?
Ich war 2008 schon einmal kurz am IPK. Damals ging es meinen französischen Kolleginnen und Kollegen bei einer Rundreise darum, das deutsche Wissenschaftssystem besser kennenzulernen.
Wo liegen die Unterschiede?
Da ich schon lange nicht mehr im deutschen Wissenschaftssystem arbeite, kann ich das sicher nicht fundiert einschätzen. Ich glaube jedoch, dass in Frankreich der Anteil fester Stellen auf allen Ebenen höher ist als in Deutschland. Daher bleiben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler länger an einer Einrichtung und können Projekte langfristiger planen.
Sie arbeiten bei INRAE, Frankreichs Nationalem Forschungszentrum für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt. Was zeichnet INRAE aus?
Wir haben an 18 Standorten in Frankreich rund 12.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Inhaltlich sind wir breit aufgestellt, ähnlich wie die Leibniz-Gemeinschaft in Deutschland. Unsere Ausrichtung ist jedoch fokussierter. Diese liegt auf den Bereichen Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt.
Ich selbst habe lange das Jean-Pierre-Bourgin-Institut für Pflanzenwissenschaften in Versailles geleitet und habe dort auch noch meine Arbeitsgruppe. Seit 2025 bin ich aber überwiegend als wissenschaftliche Beraterin unseres INRAE-Präsidenten Philippe Mauguin tätig.
Das klingt alles sehr sportlich…
Ja, das stimmt. Aber beide Seiten meiner Arbeit begeistern mich: die täglichen Fortschritte und Herausforderungen in der Forschung meiner Arbeitsgruppe, die enge Zusammenarbeit mit langjährigen Kolleginnen und Kollegen sowie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern - und ebenso die strategischen Aufgaben, die sich für unser Institut INRAE stellen.
Jeden Freitag bin ich bei meiner Arbeitsgruppe. Dieser Tag ist nicht unbedingt anstrengend, aber sehr intensiv, weil ich mit allen Mitgliedern der Gruppe die Ergebnisse der vergangenen Woche bespreche und wir die nächsten Schritte planen.
Wie geht es mit der Konferenz weiter?
Wir treffen uns das nächste Mal 2029 in Japan, also gewissermaßen zurück zu den Ursprüngen, denn dort gab es vor einigen Jahren die erste Auflage der „Nitrogen“.