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Der Kartoffel in die Augen schauen

In Groß Lüsewitz stand vor wenigen Tagen die erste Kartoffelernte auf dem Programm. Spannend wird es im Anschluss bei der Bonitur, wenn Klaus Dehmer und seine Kolleginnen die Knollen ganz genau in Augenschein nehmen.

IPK/ Andreas Bähring
Die frisch geernteten Kartoffeln werden bei der Bonitur genau in Augenschein genommen und nach verschiedenen Kriterien bewertet.

Langoval, ellipsenförmig oder nierenförmig? Sehr flach, mittel oder sehr tief? Cremefarben, hellgelb oder weiß? Es sind meistens neun Kategorien, aus denen Klaus Dehmer mit seinem geübten Blick die passende Beschreibung für die Kartoffelsorte auswählen muss, die jeweils in einer flachen schwarzen Plastikwanne vor ihm liegt. In diesem Fall geht es um die Form, die Tiefe der Augen und die Fleischfarbe der Knolle. Alle Angaben tippt er in den Laptop ein. Vorher wird jeweils eine Knolle abgewaschen, damit die Schalenfarbe besser zum Vorschein kommt. Und eine Knolle schneidet der Biologe noch mit einem Messer auf, um die Fleischfarbe in Augenschein nehmen zu können. Dabei erklärt er auch die Vorlieben in einigen Ländern. „Die Briten und Polen bevorzugen eher weißfleischige Kartoffeln, die Deutschen indes wünschen sich gelbes Fleisch“, erläutert der Leiter der Arbeitsgruppe Teilsammlungen Nord (TEN) am Standort Groß Lüsewitz (Mecklenburg-Vorpommern) des IPK Leibniz-Institutes.

Wenige Stunden zuvor steht Klaus Dehmer noch auf dem Versuchsfeld in Groß Lüsewitz und packt mit an. An diesem Dienstag Mitte Juli steht die erste Ernte an. Die Kartoffeln der IPK-Genbank - alte, nicht mehr im Handel befindliche Sorten, die zum Teil mehr als 250 Jahre alt sind, sowie Landrassen und Zuchtstämme - werden dieses Jahr in insgesamt vier Blöcken angebaut und zu verschiedenen Zeiten geerntet - der letzte Termin ist Mitte September vorgesehen. Der Traktor fährt dabei Reihe für Reihe durch den Block. Der hinten befestigte Schwingsieb-Roder lockert die Dämme auf und lässt die Knollen zum Vorschein kommen. Zehn Kartoffelsammler - alles Mitarbeitende der Arbeitsgruppe TEN sowie des benachbarten Julius Kühn-Instituts - laufen direkt hinter dem Traktor, sammeln die Knollen in ihre Eimer und füllen sie danach in Säcke.

In jeder der 20 Reihen sind mehrere Sorten hintereinander angebaut worden. Klaus Dehmer achtet nun genau darauf, dass keine Knollen im Schwingsieb-Roder mitgeschleift werden und erst bei der nächsten Sorte herunterfallen. Das könnte dazu führen, dass in einem Eimer unterschiedliche Sorten landen und so gegen das „Reinheitsgebot“ der Genbank verstoßen wird - sämtliches Material muss sortenrein erhalten werden. Am Ende dieser ersten Ernte sind es mehr als 100 Muster, die in Säcken zum Aufarbeiten ins Gewächshaus gebracht werden.

Kartoffel-Forschung und -züchtung in Groß Lüsewitz haben eine lange Tradition. Die Entstehung der Kartoffel-Sortimente als Basis für diese Arbeiten geht zurück auf das Wirken von Rudolf Schick. Er hatte Anfang der 1930er Jahre an einer Sammelexpedition nach Südamerika teilgenommen - der Heimat der Kartoffel - und wurde 1949 mit der Gründung des damaligen Instituts für Kartoffelforschung beauftragt. Unmittelbar danach wurde in Groß Lüsewitz damit begonnen, ein Arbeitssortiment von Wild- und Kulturkartoffeln aufzubauen.

Heute umfasst das Sortiment etwas mehr als 6.300 Muster. Das Kulturkartoffel-Sortiment wird mittlerweile fast vollständig in vitro erhalten, d.h. als Pflanzen im Reagenzglas im Labor, die dort sicher vor Schädlingen und Wetterunbilden vermehrt werden - nur noch ein kleiner Teil wird im Feld angebaut. Die Erhaltung der Wildkartoffel-Populationen aus Mittel- und Südamerika erfolgt unterdessen fast ausschließlich im Gewächshaus über Samen, die außer in Groß Lüsewitz auch zur Sicherheit im Saatguttresor Global Seed Vault auf Spitzbergen gelagert werden. 

Es ist dabei kein Zufall, dass die Kartoffel-Sortimente hoch im Norden erhalten werden. „Grund dafür ist die Gesundlage“, sagt Christine Brandt, Leiterin des Kulturkartoffel-Sortimentes. „Der häufige Wind an der Küste reduziert die Blattlauspopulationen. Wichtig ist das deshalb, weil Blattläuse die Überträger von Viruskrankheiten sind, die zu Ertragsverlusten bei Kartoffeln führen.“ Von Vorteil sind auch die sandigen und leichten Böden. „So kann das Regenwasser schneller ablaufen. Stünde das Wasser zu lange zwischen den Reihen, würden die Knollen anfangen zu verfaulen.“

Sie steht nach der Ernte zusammen mit Klaus Dehmer und Ulrike Behrendt im Eingangsbereich des Gewächshauses. Karin Schlichting, eine weitere Mitarbeiterin, füllt die Knollen aus den Säcken zunächst in eine Wanne zum Wiegen. Sobald Klaus Dehmer mit der Prüfung und Dokumentation einer Sorte fertig ist und die Knollen noch fotografiert hat, holt sich Christine Brandt 20 Knollen heraus und füllt sie in einen kleinen Sack. „Zehn Knollen verwenden wir als Pflanzkartoffeln für den Anbau im nächsten Jahr, die anderen zehn dienen als Reserve.“ Ulrike Behrendt, die in Groß Lüsewitz für die Wildarten verantwortlich ist, füllt derweil weitere Knollen in Papiertüten. Diese werden später auf mögliche Quarantäne-Krankheiten untersucht. Die restlichen Knollen kommen in offene Stapelkisten und dann bei fünf Grad ins Kühllager. Dort werden sie für Bestellungen im nächsten Frühjahr vorgehalten - beim IPK kann jedefrau und jedermann Kartoffeln bestellen, um beispielsweise einmal die Lieblingssorte der (Ur-)Großeltern im eigenen Garten testen zu können.

Welche Bedeutung die Kartoffel - immerhin die viertwichtigste Kulturpflanze weltweit - in Zukunft haben wird, lässt sich derzeit schwer abschätzen. „In Deutschland sinkt die Nachfrage zwar, dafür wächst die Anbaufläche in Ländern wie Indien und China derzeit rapide“, erklärt Klaus Dehmer. Die Vor- und Nachteile liegen auf der Hand. „Natürlich ist es aufwendiger, Kartoffeln zuzubereiten als Nudeln oder Reis. Auch die Lagerbedingungen, möglichst kühl und dunkel, sind schwieriger als etwa bei Getreide“, erklärt der Arbeitsgruppenleiter. Andererseits ist für den Anbau weniger Wasser erforderlich als beispielsweise bei Reis, und die Kartoffel ist sehr vitaminreich. Der Klimawandel spart allerdings auch die Kartoffeln nicht aus. „Bei Trockenheit und 30 Grad zeigen die Pflanzen erste Zeichen von Welke, und die Erträge sinken“, erklärt Christine Brandt, die selbst zum Trockenstress geforscht hat. Die Veränderungen haben in Groß Lüsewitz bereits einige Veränderungen erforderlich gemacht. „Wir haben unsere Felder im Jahr 2018 erstmals intensiv bewässern müssen.“

Die Faszination für die Kartoffel ist bei Klaus Dehmer aber bis heute geblieben. „Mich fasziniert die Vielfalt immer wieder neu, sei es bei den Knollenformen, der Fleisch- und Blütenfarbe oder den Blatt- und Blütenformen der Wildarten“, sagt der Biologe. Zu Hause kommen bei ihm übrigens mindestens einmal pro Woche Kartoffeln auf den Tisch.

Die nächsten Einblicke in die Knollenvielfalt stehen für ihn bereits wieder Mitte August auf dem Programm - beim zweiten Erntetermin in Groß Lüsewitz.