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Gummibären für den Waschbären

Silvio Henneberg ist vom IPK als Jäger beauftragt, sich um das Revier rund um das Institut zu kümmern. Warum seine Arbeit wichtig ist, sein Wildbret gelegentlich im Casino landet und er für seine Arbeit Süßigkeiten braucht - all das hat er dem IPK-Journal auf seinem Hochsitz erzählt.

© Leibniz-Institut (IPK)

„Da bewegt sich doch was“, rufe ich ein wenig aufgeregt und zeige auf den schmalen Grasstreifen zwischen Wald und Asphaltweg. Silvio Henneberg nimmt sein Fernrohr, schaut sich den Abschnitt wenige Meter vor uns an und sagt dann: „Stimmt, ein Hase! Dann bist Du heute der Anblickkönig.“ Der was? Anblickkönig, erklärt mir der 49-Jährige, sei immer der, der bei einer Jagd das erste Tier erblickt. Wichtiger aber sei natürlich der Jagdkönig, also der, der die meisten Tiere erlegt. Es werden an diesem Freitagnachmittag Mitte November nicht die einzigen Begriffe aus dem „Jäger-Vokabular“ sein, die ich lernen werde, während ich neben dem erfahrenen Jäger auf seinem Hochsitz am Rande der Versuchsfelder des IPK sitze.

Eine Stunde zuvor steige ich bei Silvio Henneberg in seinen blauen Pick-Up ein. Doch bevor es raus zum Hochsitz geht, drehen wir eine Runde über den Campus und halten am Konrad-Zuse-Gebäude, in dem derzeit Teile der Verwaltung untergebracht sind. „Schau einfach mal durch, dann siehst Du die Eulen“, sagt Silvio Henneberg und reicht mir sein Fernglas. Und tatsächlich: Am Stamm einer Birke entdecke ich fünf der großen Tiere. „Die verbringen dort in Ruhe ihren Tag, bevor es später dann auf Mäusejagd geht“, erklärt mir Silvio Henneberg. Am Fuß des Baumes liege dann das, was übrigbleibt von ihrer Beute, also beispielsweise Krallen und Knochen, aber auch das Fell. „Dieses sogenannte Gewölle würgen die Eulen dann hervor“, erklärt der 49-Jährige. Im Sommer übrigens seien die Eulen dann in den Maulbeerbäumen an der Pflanzenkulturhalle.

Danach geht es raus zu den Versuchsfeldern, und ich lerne erst einmal einiges über das 109 Hektar große Jagdrevier, für das Silvio Henneberg offiziell vom IPK als Jäger beauftragt ist. Es handelt sich um ein typisches Niederwildrevier. Es gibt hier Schwarz- und Rehwild, Hasen, Enten, Gänse sowie Fasane. Aber auch Füchse, Dachse, Stein- und Baummarder sowie Waschbären leben hier. „Ich bin als Jäger der Hege verpflichtet, das heißt, ich kümmere mich um den Erhalt des Habitats mit allen vorkommenden Tieren. Und dazu gehört das Reh im Wald ebenso wie die Eule auf dem Campus.“

Als wir aussteigen, schnappt sich Silvio Henneberg seinen Rucksack und natürlich sein Gewehr. Ein Suhler Drilling, Baujahr 1985, mit Zielfernrohr. Es gibt zwei Läufe für den Schrottschuss, etwa auf Füchse und Hasen. Und einen Lauf für den Kugelschuss, der bei Rehwild genutzt wird. Doch meine Gedanken kreisen gerade eher um die Frage: Was mache ich, wenn es heute Abend wirklich knallt? „Den Mund auf, das sorgt für den nötigen Druckausgleich“, lautet der Rat des Experten an meiner Seite. 

Am Hochsitz angekommen, klappt Silvio Henneberg zwei Bretter um, auf denen wir beide nun die kommenden 2 ½ Stunden verbringen werden. Und natürlich reichlich Zeit zum Erzählen haben. Das Interesse für die Jagd, erklärt der 49-Jährige, habe er aus dem Elternhaus mitbekommen. Der Opa, der Vater, die Brüder und der Neffe - alles Jäger. „Das füllt mich seit 25 Jahren aus und das ist eine Leidenschaft, anders geht es auch nicht.“ Das all das nicht ohne Unterstützung seiner Frau Undine möglich wäre, das versteht sich von selbst. Von „Hobby-Jägern“, denen es meist nur um das Erlegen eines Tieres gehe, hält Silvio Henneberg nichts. „Das sind eigentlich keine Jäger.“ Für ihn gehört da viel mehr dazu: Brauchtum, Schießtraining, aber auch das Wissen für die richtige Verarbeitung des Wildes zu einem hochwertigen Lebensmittel. Seinen langjährigen Jobs als Küchenchef des Institutes musste Silvio Henneberg 2019 zwar aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, doch seitdem arbeitet er in der Arbeitsgruppe „Campus-Management und Logistik“ und eben als Jäger für die Arbeitsgruppe „Versuchsfeld und Gärtnerei“. Und so liefert er bei passender Gelegenheit sein Wildbret im Casino ab. So gab es etwa Reh für das Journalistenkolleg der Leopoldina, das im Oktober zu Besuch am IPK war.

„Ganz wichtig ist es hier, das Raubwild niederzuhalten“, erklärt Silvio Henneberg. Waschbären, aber auch Rehe seien sehr naschhaft und könnten in den Kulturen große Schäden anrichten. Das Raubwild im Auge zu behalten sei außerdem zum Schutz der Vögel wichtig, die am Boden brüten und ebenso zum Schutz des Niederwildes, also beispielsweise von Junghasen. Bei all dem orientieren sich Jäger an der Waidgerechtigkeit, einem ungeschriebenen Verhaltenskodex, also eine Art Ehrenkodex. „So dürfen Elterntiere, die für die Aufzucht wichtig sind, nicht erlegt werden, also nie die Ricke vor dem Kitz“, erklärt Silvio Henneberg.

Pro Jahr erlegt der 49-Jährige sechs Rehe, zwei bis drei Füchse und zehn bis 20 Waschbären. Trotz seiner Erfahrung gehe es nicht spurlos an ihm vorbei, wenn er ein Tier erlege. „Das geht mir jedes Mal schon nahe“, bekennt der erfahrene Jäger. Dabei schießt zunächst das Adrenalin in den Körper eines Jägers. Weicht es dann nach einem Schuss, schlotterten Jägern oft die Knie oder die Hände zitterten, das sogenannte Jagdfieber.

Doch bevor Silvio Henneberg ein Tier erlegt, spricht er es zunächst mit dem Fernglas an. Ein Tier ansprechen mit dem Fernglas? „Gut, ich gebe zu, die Jägersprache ist manchmal speziell“, räumt Silvio Henneberg ein, als er in mein ratloses Gesicht sieht. Ansprechen heißt, das Tier zunächst in Augenschein zu nehmen. Welches Alter? Welches Geschlecht? Welcher körperliche Zustand? Bei einer Reduktionsjagd, die das Ziel hat, die Bestände zu verkleinern, würde er daher eher auf das weibliche Tier schießen. Nach dem Erlegen des Wildes wird dieses „aufgebrochen“ (das heißt, die inneren Organe werden entnommen), danach „aus der Decke geschlagen“ (das heißt, das tote Tier wird abgezogen) und „zerwirkt“ (das heißt, es wird zerteilt). „Die richtige Wildbret-Hygiene spielt dabei heute eine zentrale Rolle“, betont der Jäger.

Danach herrscht erst einmal einige Minuten Stille bei uns beiden oben auf dem Hochsitz. Die wird erst unterbrochen, als ein leichter Windstoß das Wellblechdach zum Klappern bringt. „Müsste ich auch mal noch in Ordnung bringen“, erklärt der 49-Jährige. Einige Minuten später entdeckt er in weiter Entfernung ein Reh, und dann taucht vor uns wieder der Hase auf. Zeit für meine nächste Lektion. Hasen, so lerne ich, brauchen zum Überleben 70 verschiedene Kräuter, die sogenannte „Hasen-Apotheke“.

Dann wird es plötzlich sehr emotional auf dem Hochsitz. Silvio Henneberg erzählt von seinem Jaghund, einem Dackel, der ihn mehr als 13 Jahre begleitet habe, dann allerdings wegen eines Nierenleides eingeschläfert werden musste. „Der ist einfach nicht zu ersetzen“, bekräftigt der erfahrene Jäger und muss sich in dem Moment eine Träne aus dem Gesicht wischen. Danach schweigen wir erst einmal wieder. Bis die Gänse vorbeifliegen, die im Anflug auf ihr nächstes Nachtquartier sind, dem Concordiasee.

Inzwischen ist es nach 17 Uhr. „Lass uns abbaumen, es ist zu dunkel“, erklärt Silvio Henneberg. Abbaumen heißt, es geht herunter vom Hochsitz. Wir gehen in der Dunkelheit langsam zurück Richtung Auto. Doch bevor es auf das Institutsgelände geht, zeigt mir der Jäger noch eine Falle. Insgesamt acht Stück gibt es, vier festinstallierte und zwei bewegliche Drahtkastenfallen sowie künftig zwei Kofferfallen, die vor allem im Kampf gegen Marder genutzt werden. Doch es geht natürlich auch immer um den richtigen Köder. „Die Waschbären locken wir am besten an mit Gummibärchen, es muss aber Haribo sein, sonst funktioniert es nicht“, betont der 49-Jährige. 

Nach der Extrarunde um die Versuchsfelder steige ich auf dem Campus aus Silvio Hennebergs blauen Pick-Up aus und denke an den „Anblickkönig“ und den „Jagdkönig“. 1:0 für mich, denke ich, nachdem der 49-Jährige an diesem Freitag kein Tier erlegt hat. Den Gedanken behalte ich in dem Moment aber für mich, muss jedoch ein wenig schmunzeln und sehe dem Pick-Up hinterher.