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Schätze aus dem Salzachtal

Hunderte Akzessionen des österreichischen Genetikers Erwin Mayr liegen seit 1964 in Gatersleben. Das älteste aufgesammelte Material der Genbank ist 100 Jahre alt und wird heute noch von Forschern genutzt. Duplikate kamen im Februar in den Global Seed Vault auf Spitzbergen.

IPK Leibniz-Institut/ L. Tiller
Die ältesten Akzessionen der Genbank stammen von den Sammelreisen Erwin Mayrs.

„Es ist … allerhöchste Zeit, dass etwas zur Rettung und Erhaltung der rasch verschwindenden alten und primitiven Sorten unserer Kulturpflanzen geschieht.“ Für diese Aufforderung und diesen Appell erhielt der Genetiker und Züchtungsforscher Erwin Baur auf einer Saatzucht-Tagung in Berlin lebhaften Beifall. Nicht in diesen Tagen wohlgemerkt, in denen der Verlust an Biodiversität ein Dauerthema ist, sondern bereits 1914. Zwei Jahre später trat dann der bekannte russische Genetiker Nikolai Vavilov seine erste Sammelreise in den Iran an. Doch auch ein dritter Name sollte erwähnt werden: Erwin Mayr (1899-1969).

Das Interesse des Saatgutforschers, Pflanzenzüchters und Getreideökologen aus Österreich galt der Erhaltung alpiner Getreide-Landsorten als Genmaterial für die Pflanzenzüchtung. „Das hat er als einer der ersten erkannt und war somit ein Pionier und Vorreiter“, erklärt Andreas Börner, Leiter der Arbeitsgruppe „Ressourcengenetik und Reproduktion“ am IPK Leibniz-Institut. „Mayr kann deshalb durchaus in einem Atemzug mit Vavilov und Baur genannt werden. Baur war später dann der Doktorvater des IPK-Gründungsdirektors Hans Stubbe.“

Erwin Mayr, Sohn eines Bibliothekars, studierte an der Hochschule für Bodenkultur in Wien. 1922 erwarb er das Diplom und im selben Jahr wurde er mit der Dissertation „Getreidebau und Getreidesorten im salzburgischen Salzachtale“ zum Doktor der Bodenkultur promoviert. Viele der Muster, die Mayr von seinen langen Sammelreisen mitbrachte, lagern heute in der Genbank des IPK. „Wir haben 19 Gersten- und 859 Weizen-Akzessionen von ihm bei uns am Institut eingelagert“, erläutert Andreas Börner. Wann die Landsortensammlung Erwin Mayrs nach Gatersleben kam lässt sich nicht mehr zweifelsfrei sagen. Aus handschriftlichen Unterlagen geht hervor, dass die Sammlung am 12. November 1964 nach Gatersleben kam. In anderen Quellen heißt es, Erwin Mayr habe seine Akzessionen dem Institut bereits im Jahr 1954 als Schenkung übergeben. Unstrittig ist, dass Hans Stubbe sehr darum bemüht war, Material von Sammlungsreisen wie dieser ans Institut nach Gatersleben zu holen. „Stubbe hat die Muster zusammengeführt und die Lagerung zentralisiert.“   

Duplikate von elf Weizenproben Mayrs, die von der Sammelreise AUTMAYR-22-32 stammen und wegen der nachlassenden Keimfähigkeit zwischenzeitlich reproduziert werden mussten, hat das IPK im Februar 2022 in den internationalen Saatguttresor „Global Seed Vault“ auf Spitzbergen geschickt. „Es handelt sich um das älteste aufgesammelte Material in unserer Genbank“, betont Andreas Börner.

Wie mit dem Material am Institut gearbeitet wurde, lässt sich in einem Feldbuch aus dem Jahr 1972 ablesen. Unter der Überschrift „Bezeichnung und Herkunft“ steht dabei in jeder Zeile der blaue Stempel „E. Mayr, Alpine Landsortensammlung 1922-32“. Daneben stehen handschriftlich vermerkt unter anderem die Akzessionsnummer, die Termine für Aussaat, Aufgang und Blüte sowie mögliche Krankheiten. So wurde die „W 221“ am 29. März 1971 ausgesät, sie ging am 14. April auf und blühte am 29. Juni. Hier ist sogar noch der Fundort bekannt und unter dem Stempel aufgeschrieben, die Gemeinde Jerzens in Tirol. 

Heute geht es jedoch nicht nur um den Erhalt der alten Landsorten, mit ihnen wird auch weiterhin geforscht. „In den vergangenen zehn Jahren wurden bei uns 1.135 Muster, die auf Erwin Mayr zurückgehen, angefordert. Darunter waren Anfragen aus den USA, dem Iran sowie aus Italien“, erklärt Andreas Börner. Am IPK war vor allem Jochen Reif, Leiter der Abteilung Züchtungsforschung, sehr an Akzessionen interessiert. Er allein bestellte 575 Muster, unter anderem für das Projekt Genbank 2.0.

Im Zentrum der Forschungstätigkeit Mayrs stand die Erhaltung der Getreide-Landsorten als Genquelle für die Pflanzenzüchtung. Als seine bedeutendste Leistung gilt der Aufbau einer der wichtigsten Genbanken für alte alpine Getreidesorten, die heute Teil der Genbank des Landes Tirol ist. „Mayrs Landsorten sind ohne Frage der Ausgangspunkt unserer Genbank“, sagt Christian Partl, Leiter der Einrichtung, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert. „Mayr war der Erste, der in der alpinen Region gesammelt und das Material im Anschluss züchterisch bearbeitet hat.“ Ziel sei schon damals gewesen, die Ernährungslage der Bevölkerung zu verbessern.

Mit der schon 1922 begonnenen Sammlung und Beschreibung von Getreidelandsorten der Alpentäler gehört die Einrichtung zu den ältesten Genbanken der Welt. Aktuell werden dort mehr als 1.000 Landsorten erhalten. Mayr habe einen guten Blick für die enorme Vielfalt gehabt, sagt Christian Partl. Von dieser Weitsicht könne man heute profitieren. „Die große Biodiversität bietet uns ein immenses Potential für die Zukunft, zum Beispiel mit Blick auf die Ernährungssicherheit in Zeiten des Klimawandels, mit Blick auf Krankheitsresistenzen, aber auch bei ernährungsphysiologischen Aspekten.“ Mit Fragen der Getreideökologie, also auch dem Einfluss der Klimafaktoren auf die Ertragsleistung, beschäftigte Erwin Mayr sich dabei vor 100 Jahren ebenso schon wie mit regionalen Aspekten des Pflanzenbaus.

„Nur das Studium der Formen der einheimischen Landsorten sowie die genaue Kenntnis der getreidebaulichen Verhältnisse kann die Frage, welche Sorten für die Gebirgsverhältnisse passen und worauf bei der Züchtung solcher Sorten zu sehen ist, einwandfrei und rasch lösen“, schreibt Erwin Mayr 1928 im Forschungsbericht der Bundesanstalt für Pflanzenbau und Samenprüfung in Wien unter dem Titel „Die Getreide-Landsorten und der Getreidebau Salzachtal und seinen Nebentälern“.

Mit den Ergebnissen seiner langjährigen Studien habilitierte Mayr sich 1939 an der Hochschule für Bodenkultur in Wien für das Fachgebiet Spezieller Pflanzenbau mit besonderer Berücksichtigung des Getreidebaues. Auf einem von der Gauleitung des damaligen Reichsgaus Tirol-Voralberg 1941 zur Verfügung gestellten Grundstück in Rinn hatte er bereits während des Zweiten Weltkrieges eine Versuchsstation für den Anbau erhaltenswerter Getreide-Landsorten eingerichtet. Von 1945 bis 1964 leitete er diese Station, die spätere Landesanstalt für Pflanzenzucht und Samenprüfung in Rinn.

In mehreren Beiträgen hat er Getreideanbauzonen in Kärnten und Tirol beschrieben und kartographisch dargestellt. Den besten Überblick über seine Forschungsarbeiten vermittelt die von ihm 1964 herausgegebene Schrift „25 Jahre Landesanstalt für Pflanzenzucht und Samenprüfung“.

Das Interesse an seinen Landsorten dürfte auch knapp 60 Jahre später nicht abreißen. Und so kann Andreas Börner fest damit rechnen, dass es nicht lange dauern wird, bis er die nächsten Anfragen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für die alten Landsorten bekommt.