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„Wir müssen von der Streuobstwiese und der Savanne lernen“

Beat Keller hat enge Verbindungen zum IPK Leibniz-Institut. Anlässlich seines Besuches im Juli äußert sich der Wissenschaftler der Universität Zürich im Interview zum Stellenwert der Pflanzenforschung, zu bekannten Gesichtern der Wissenschaft wie Urs Niggli und der Bedeutung der Ökosysteme für die weitere Forschung.

IPK Leibniz Institut / A. Bähring
Prof. Dr. Beat Keller

Nils Stein und Thorsten Schnurbusch haben bei Ihnen in der Schweiz gearbeitet und sind heute sehr erfolgreiche Wissenschaftler. Auch viele weitere Forscherinnen und Forscher aus Ihrer Gruppe haben beachtliche Karrieren gemacht und werden laut Ihrer Website als „Highly Cited Researcher“ geführt. Ist Ihre Gruppe also eine Art Talentschmiede? Und welchen Kriterien sind für Sie bei der Auswahl neuer Leute wichtig?

Bei der Auswahl legte ich immer Wert auf intellektuelle Selbständigkeit und ein genuines Interesse an biologischen Fragestellungen. Es ist für mich eine große Befriedigung, vielleicht die sogar beste Belohnung für meine Arbeit überhaupt, wenn ich sehe, dass ehemalige Mitarbeitende erfolgreich sind und den Horizont unseres Wissens ausdehnen und neue, spannende Fragen bearbeiten.

Welche inhaltlichen Kriterien sind Ihnen wichtig?

Es ist mir wichtig, dass die Forschung in meiner Gruppe die jeweils wichtigsten offenen Fragen in unserem Forschungsfeld bearbeitet. Diese Arbeiten waren in den vergangenen mehr als 20 Jahren eine Kombination aus der Entwicklung und der Nutzung genomischer Ansätze sowie experimenteller biologischer Forschung. Ich denke, dass diese Mischung für viele Nachwuchswissenschafterinnen und -wissenschaftler attraktiv war und auch heute noch ist.

Die Wissenschaft wird heute immer häufiger von einigen bekannten Gesichtern geprägt, die gerne auch den Weg in die Öffentlichkeit gehen. Ihr Landsmann Urs Niggli ist solche eine Persönlichkeit im Bereich der Pflanzenforschung und des biologischen Landbaus, Christian Drosten beim Thema Corona. Inwieweit sollten sich bekannte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in politische und gesellschaftliche Debatte einbringen? Und welche Risiken bringt das mit sich?

Nun, die Medien haben ihre eigenen Gesetze und konzentrieren sich auf einzelne Personen, die ein bestimmtes Thema verkörpern. Für den einzelnen Wissenschaftler kann es aber durchaus gefährlich sein, wenn er so exponiert dargestellt wird, zumal wenn er keine Erfahrungen im richtigen Umgang mit Medien hat.

Welche Alternativen sehen Sie? Die Fragen, die den Menschen auf den Nägeln brennen, sollten ja schon beantwortet werden.

Wir hatten in der Schweiz während der Corona-Pandemie eine Task Force, in der sich Fachleute zusammengefunden und entsprechende Fragen beantwortet haben. Das hatte eben genau den Vorteil, dass nicht alles auf eine Person zugeschnitten war. Doch egal, welches Format man wählt: Wir brauchen in der Wissenschaftskommunikation eine weitere Professionalisierung, um künftig schnell und angemessen die relevanten Fragen, die aufkommen, beantworten zu können.  

Themen der Pflanzenforschung werden durch den fortschreitenden Klimawandel, die wachsende Weltbevölkerung und den lauteren Ruf nach mehr Nachhaltigkeit immer wichtiger. Motiviert Sie das zusätzlich?

Zusätzliche Motivation brauchen wir als Forscher nicht. Was Sie beschreiben, ist für mich auch eher belastend, weil ich sehe, was wir eigentlich noch alles tun müssten, ohne dafür die entsprechenden Ressourcen zu haben.

Sie meinen, die Pflanzenforschung ist immer noch eine kleine und schlecht ausgestattete Nische im Vergleich zu anderen Disziplinen.

Wenn Sie die von Ihnen beschriebenen Herausforderungen sehen, passen Anspruch und Realität nicht zusammen. Viele meiner Postdocs sind in die Biomedizin gegangen, weil dort die Bedingungen einfach besser sind.  Für die Leute freut es mich, für unser Fachgebiet ist es schlecht. Das mag daran liegen, dass das Problembewusstsein in anderen Bereichen wie der Medizin ausgeprägter ist und die Zeiträume, in denen es Ergebnisse gibt, deutlich kürzer sind. Nehmen Sie den Corona-Impfstoff: Die Nachfrage war enorm, und die Wissenschaft konnte innerhalb weniger Monate liefern. Genau das aber ist im Fall der Landwirtschaft nicht möglich. Da muss in größeren Zeiträumen gedacht werden.     

Das klingt ja eher ernüchternd. Was hat sie bei Ihrer Arbeit über all die Jahre angetrieben?

Als Wissenschaftler treibt mich natürlich zunächst einmal der Wunsch nach Erkenntnis an. Ich will Dinge verstehen, die bisher noch niemand verstanden hat. Hinzu kommt, das hatte ich ja eingangs schon erwähnt, die Freude an der Ausbildung des Nachwuchses. Und natürlich ist auch der Prozess der Forschung an sich immer wieder sehr bereichernd. Dazu zählt der Austausch mit internationalen Kolleginnen und Kollegen und natürlich auch Besuche wie heute am IPK.

Inwieweit hat Ihre Forschung in der Schweiz auch Niederschlag in der Arbeit des IPK gefunden? Welche Überlappungen und welche gemeinsamen Projekte gibt es da?

Wir arbeiten schon seit vielen Jahren mit IPK Forschenden in verschiedenen Projekten zusammen. Einerseits sind das Arbeiten in der Genomik von Getreide, in der die Gruppen von Nils Stein, Martin Mascher und weitere IPK-Forschende international führend sind. Wir haben auch in verschiedenen, von der EU unterstützten, Projekten zusammengearbeitet. Meine Gruppe ist dabei nur ein Partner unter vielen.

Gemeinsame Arbeiten mit der Gruppe von Jochen Kumlehn waren entscheidend für die erfolgreiche Entwicklung von transgenen Gersten- und Weizenlinien. Daneben gibt es viele weitere Interaktionen, z.B in der Frage der Genomevolution oder der Interaktion von Mehltau und Weizen. Seit zwei Jahren sind wir auch Projektpartner im von Nils Stein koordinierten EU-Projekt AGENT. Dabei geht es um die Charakterisierung, Erhaltung und Nutzung der Ressourcen in Genbanken.

In jedem Fall sind unsere Interaktionen mit dem IPK seit Jahren sehr vielfältig.

Sie kennen das IPK nicht nur aufgrund vieler persönlicher Kontakte sehr gut, sondern auch als Mitglied bei einer Evaluation. Welche Bedeutung hat das IPK für die Pflanzenforschung? Und welche Rolle würden Sie IPK zuschreiben, etwa als gute Adresse für junge Forscherinnen und Forscher?

Das IPK ist in Europa und weltweit eine der wichtigsten Forschungsinstitutionen im Bereich der Pflanzenforschung. Es zeichnet sich aus durch international führende Forschungsbeiträge in vielen Bereichen der Pflanzenbiologie sowie durch eine hervorragende Infrastruktur. Und das gilt für die Genomik und Mikroskopie ebenso wie für die Gewächshäuser und Freilandflächen und neu der PhenoSphere.

Zudem ist das IPK eine der wenigen Forschungsinstitutionen in Europa, in der die Forschung an Kulturpflanzen eine große Rolle einnimmt. Diese Forschung ist an vielen Universitäten etwas ins Abseits geraten. Die Kombination von Forschungsarbeiten an Modellpflanzen, insbesondere an Arabidopsis, mit Projekten an Kulturpflanzen ist eine wichtige Grundlage für den Erfolg des IPK.

Sie sind immer wieder vom Bundesministerium für Forschung und Bildung bei Begutachtungen hinzugezogen worden. Wie ist es dazu gekommen? Und seit wann machen Sie das?

Das mache ich bestimmt schon seit 20 Jahren. Damals gab es auf dem Gebiet der Kulturpflanzen noch nicht so viele Experten. Vermutlich dachte sich das Ministerium auch, dass ich als Schweizer eine gewisse Unabhängigkeit in den Prozess bringe, gleichzeitig aber das deutsche System gut kenne.

Die Wissenschaft muss sich immer auch für neue Entwicklungen öffnen. Am IPK geht es daher auch um Themen wie Zwischenfrüchte, aber auch über die Entwicklung ganz neuer Kulturpflanzen wird nachgedacht. Was sind aus Ihrer Sicht neue Themen, die besonders vielversprechend erscheinen?

Ich glaube, die Ökologisierung und die konsequente Nutzung der Biodiversität haben viel Potenzial. Das schließt Lernprozesse ausdrücklich mit ein. So muss die Ökologie verstehen, wie Landwirtschaft heute im großen Stil funktioniert. Die Wissenschaft muss umgekehrt noch viel besser begreifen, wie Ökosysteme funktionieren, von der Streuobstwiese bis zur Savannenlandschaft. Jede Pflanze hat in einem solchen Räderwerk eine Funktion, dass muss die Wissenschaft aus meiner Sicht noch besser verstehen. Am Ende können beispielsweise verschiedene Kulturpflanzen auf dem Acker stehen wie bei den Zwischenfrüchten, die zur Fixierung von Nährstoffen genutzt werden.

Sie haben lange daran gearbeitet, Weizen durch gentechnische Eingriffe widerstandsfähiger gegen Mehltau zu machen, also gegen einen Pilzschädling. Wird das Thema Pathogene generell im Zuge des Klimawandels an Bedeutung gewinnen, wird aber in der Öffentlichkeit noch unterschätzt?

Pathogene verändern sich ständig. Einige tauchen neu auf, andere kehren zurück oder werden verschleppt. So gibt es seit einiger Zeit ein Pathogen aus Costa Rica, das die Olivenbäumen am Mittelmeer befällt. So etwas ist völlig normal, kann durch den Klimawandel natürlich vermehrt auftreten. Ein neuartiges, großes Problem sehe ich darin aber noch nicht.

Grüne Gentechnik, so haben Sie kürzlich im Magazin Ihrer Universität erklärt, sei „unverzichtbar, um die Ernährung in Zukunft zu sichern“. Teilen Sie die Einschätzung, dass die Vorbehalte gegen die Grüne Gentechnik in Politik und Gesellschaft schrittweise zurückgehen? Immerhin unterstützt mit Theresia Bauer sogar die Wissenschaftsministerin in Baden-Württemberg - eine Politikerin der Grünen - diesen Ansatz.

Ja, Sie haben Recht. Die Debatte über Grüne Gentechnik ist offener geworden. Vielleicht ist da die Gesellschaft auch schon weiter als die Politik. Die Grüne Gentechnik muss aber auch stets richtig eingeordnet werden. Es handelt sich um ein sehr wichtiges, vielversprechendes Werkzeug, das in unserem Werkzeugkasten nicht mehr fehlen sollte. Es ist aber auch kein Allheilmittel, sondern es sollte zusammen mit anderen Ansätzen genutzt werden.

Sie sprachen die Politik an. Wie ist die aktuelle Situation in der Schweiz?

Es gibt noch immer ein Moratorium für die kommerzielle Nutzung von gentechnisch veränderten Pflanzen in der Landwirtschaft. Das Parlament hat aber kürzlich die Regierung aufgefordert, innerhalb von zwei Jahren ein Vorschlag zur Neuregelung der Genom-Editierung zu machen. Aber danach dürfte es noch einmal zwei Jahre dauern, bis ein entsprechendes Gesetz verabschiedet ist.

Und das dauert Ihnen zu lange.

Ja, das Tempo ist gemessen an den vor uns liegenden Herausforderungen zu langsam. Wir hatten jedoch zuvor 20 Jahre eine Blockade bei dem Thema. Insofern ist die Entwicklung zumindest ein wenig ermutigend.