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IPK Leibniz-Institut/ C. Schafmeister
Delphine Van Inghelandt
Die Knollenforscherin

Seit gut einem Jahr leitet Delphine Van Inghelandt eine gemeinsame Arbeitsgruppe von IPK und JKI. Zeit für einen Vor-Ort-Termin bei der Wissenschaftlerin, die in Groß Lüsewitz an der Kartoffel von morgen arbeitet.

Delphine Van Inghelandt geht einige Treppenstufen hinunter, biegt anschließend in einen langen, hell erleuchteten Kellergang ab und öffnet dort gleich die erste Tür auf der linken Seite. Das Schild an der Tür „Keller 20“ verrät nicht, was sich dahinter verbirgt. In Regalen stehen mehrere, flache Plastikwannen. Dort drin liegen auf Plastikgittern, jeweils hinter einer Nummer sauber aufgereiht, immer fünf Blätter. Jede Reihe besteht aus einer Akzession. Es ist eine Art Krankenstation. Denn auf jedes einzelne Blatt der Kartoffelpflanzen kam vor einigen Tagen ein Tropfen einer Lösung, die Sporen eines Pilzerregers enthält. „Und nach sieben Tagen schauen wir nach, welche Pflanzen bereits Symptome haben und wie stark der Befall ist“, sagt Delphine Van Inghelandt, seit gut einem Jahr Leiterin der neu geschaffenen Arbeitsgruppe „Quantitative Genetik und Zuchtmethodik der Kartoffel“ vom IPK und dem Julius Kühn-Institut (JKI). 

Trockenstress, Hitzestress und eben neue Krankheiten - die Faktoren, mit denen die Kartoffel hierzulande zurechtkommen muss, sind zwar dieselben wie bei Weizen, Gerste oder Hafer, doch das Genom mit seinen vier Chromosomensätzen ist sehr komplex. „An der Kartoffel ist bis jetzt unter anderem deswegen weniger geforscht worden als bei Getreide“, erläutert die französische Agrarbiologin. „Es gibt also noch viel zu tun und zu entdecken.“

Mit der Genbank des IPK, die am Standort Groß Lüsewitz 6.300 Akzessionen erhält, hat sie dabei optimale Startbedingungen für ihre Forschung. „Das ist wirklich ein echter Glücksfall und ein Geschenk“, sagt die Wissenschaftlerin. In den kommenden zwei, drei Jahren gehe es vor allem darum, sich systematisch einen Überblick über die Sammlungen zu verschaffen und diese zu charakterisieren - sei es mit genotypischen Daten, sei es mit phänotypischen Daten. „Ziel ist es, zwei Kernsammlungen mit jeweils 300 Akzessionen zu erstellen, die dann die gesamte Breite der Diversität möglichst gut darstellen“, erklärt Delphine Van Inghelandt. 

Doch ihre Forschung läuft schon jetzt auf vollen Touren. Zurück im Kellergang greift sie in eine der vielen Tüten, die in gestapelten Plastikkisten stehen. „Schauen Sie doch mal, die sehen aus wie kleine Murmeln.“ Was die Agrarbiologin in der Handfläche hat, sind jedoch Knollen. Aus den Samen von 70 Wildarten der Genbank hat sie dieses Jahr 5.000 Pflanzen hochgezogen und von 4.000 konnte ihre Gruppe letztlich Knollen ernten. „Die letzten sind gerade heute in den Keller gekommen“, erzählt sie an diesem Montag Anfang November. Genutzt werden sie im kommenden Jahr für den erneuten Anbau von Versuchen. 

Bereits in diesem Sommer wurden Höhe, Blühdatum und Blütenfarbe der 5.000 Pflanzen erfasst. Proben der Blätter wurden dann zunächst getrocknet und später mit Hilfe einer speziellen Infrarottechnologie untersucht. „Wir versuchen dabei, Unterschiede zwischen den Akzessionen, aber auch innerhalb der einzelnen Akzessionen zu identifizieren und möchten sehen, ob diese Technik sich auch eignet, um die Merkmale vorher zu sagen.“

„Schauen Sie mal hier“, ruft die Wissenschaftlerin und zieht - zurück in „Keller 20“ - eine schwarze Plastikfolie vor einem der Regale zur Seite. Dort liegen in Scheiben geschnitten bereits erkrankte Kartoffeln. „An der Oberfläche kratzt das Team eines Kollegen die Sporen des Pilzes ab und nutzt diese dann für unsere Lösung, die wir auf die Blätter in der Plastikwanne tropfen.“ Damit sich der Pilz möglichst gut entwickeln kann, liegt die Temperatur bei 19 Grad, die Luftfeuchtigkeit bei 49 Prozent. Das Thema Resistenzen liegt der Wissenschaftlerin am Herzen. „Unseren Kartoffelpflanzen drohen immer mehr Krankheiten, doch gleichzeitig stehen den Landwirten immer weniger Mittel zur Verfügung, die sie einsetzten dürfen. Es muss also darum gehen, schnell Lösungen ohne Chemikalien zu entwickeln.“

Auf der Suche nach Lösungen setzt Delphine Van Inghelandt auf neue Technologie und langjährige Erfahrung - gerade auch in Groß Lüsewitz. Anders als bei Getreide sind bei den tetraploiden Kartoffeln einfache Rückkreuzungen nicht möglich, deshalb hofft die Agrarbiologin auf Fortschritte mit Verfahren wie der Genschere CRISPR Cas, wenn es um punktgenaue Veränderungen im Genom geht. „Ich bin überzeugt, dass die Kartoffel davon noch mehr profitieren wird als andere Nutzpflanzen.“ Gleichzeitig möchte sie auch auf die langjährigen Erfahrungen am Standort zurückgreifen. So sind auf dem Areal in Groß Lüsewitz nicht nur das IPK und das JKI vertreten, sondern auch das Züchtungsunternehmen Norika. „Die Nachfrage nach Kartoffeln steigt weltweit enorm, insbesondere in Afrika und China. Daher sollten wir auch mit Blick auf die dortigen Märkte präsent sein mit unserem Wissen.“

Umso mehr freut sie das gestiegene Interesse an ihrer Forschung. So waren in den letzten Monaten TV-Sender, Zeitungsreporter und Radio-Journalisten in Groß Lüsewitz. Doch nicht nur das: im November haben Delphine Van Inghelandt und Nils Stein, Leiter der Abteilung „Genbank“ am IPK, zwei Vorträge auf der Jahrestagung der Gemeinschaft zur Förderung der Pflanzeninnovation (GFPI) gehalten. „Die Aufmerksamkeit ist gerade tatsächlich sehr hoch, und ich finde es sehr wichtig, dass wir über unsere Forschung berichten.“

Dass sie dabei zwei Instituten gleichermaßen verbunden ist, sieht Delphine Van Inghelandt positiv. „Ich kann von beiden Seiten profitieren, beim IPK ist es insbesondere die Genbank, beim JKI die Feldinfrastruktur. Und ich habe gute Kontakte in zwei Kollegenkreisen, das ist ebenfalls ein großer Vorteil.“ Nur dass sie auch die doppelte Anzahl von Sitzungen hat, ist manchmal nicht ganz einfach. „Da muss ich mich dann hier und da entscheiden, ob und wo ich teilnehme.“

Ihren Wechsel von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf an die Küste bereut sie jedenfalls nicht. „Natürlich war es von Düsseldorf deutlich einfacher nach Frankreich zu fahren, aber wir sind auch in Rostock sehr glücklich. Die Stadt verdient aus meiner Sicht deutlich mehr Aufmerksamkeit.“ Und dass Ihr Mann Benjamin Stich als Wissenschaftler gleich nebenan am JKI in Groß Lüsewitz arbeitet, hat aus der Entscheidung ein perfektes Gesamtpaket gemacht. 

Bleibt nur noch die Frage nach ihrem persönlichen Lieblingsrezept. „Wir essen zu Hause am liebsten Kartoffelsalat auf die süddeutsche Art, also mit Essig, Öl und etwas Gemüsebrühe“, sagt die Arbeitsgruppenleiterin. „Mayonnaise ist nicht so mein Fall.“ Na, dann guten Appetit!