Wie können wir die Vielfalt unserer Kulturpflanzen im digitalen Zeitalter nicht nur erhalten, sondern besser nutzen? Dies war die Leitfrage, die Mitte März bei einem Workshop der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften diskutiert wurde. Nils Stein, Leiter der Abteilung „Genbank“ am IPK, war in Rom dabei.

Was war das Thema des Workshops?
Die Erhaltung der genetischen Ressourcen und die Sicherung der Ernährung sind Fragen, mit denen sich auch die Päpstliche Akademie und der Crop Trust beschäftigen. Wie moderne Technologien für den Erhalt und die Nutzung der Kulturpflanzenvielfalt genutzt werden können, war der Schwerpunkt eines Workshops im März in Rom. Künstliche Intelligenz, Hochdurchsatz-Sequenzierung, Phänotypisierung und moderne Züchtungsmethoden, das sind auch zentrale Themen für das IPK.
Klar ist: Wir benötigen technologische Innovationen, um trotz klimatischer Veränderungen und zahlreicher anderer globaler Herausforderungen produktive, widerstandsfähige und nachhaltige Ernährungssysteme zu sichern.
Der Handlungsdruck ist enorm. Laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen waren im vergangenen Jahr 673 Millionen Menschen von Hunger betroffen. Das sind knapp zehn Prozent der Weltbevölkerung. Und die Auswirkungen des aktuellen Krieges im Iran sind schon jetzt spürbar. Unterbrochene Lieferketten, mehrere vom Seehandel abgeschnittene Länder Zentralasiens, fehlende Düngemittel und damit einhergehend steigende Lebensmittelpreise, verschärfen diese Situation weiter. Welchen Beitrag zur Lösung kann die Pflanzenforschung leisten?
Unser Ziel ist es, die genetischen Ressourcen so gut und so effizient wie möglich nutzbar zu machen. Dazu benötigen wir innovative Lösungen und wollen am IPK ein Vorreiter in Sachen Technologie sein. Ganz konkret geht es darum, unsere Genbank am IPK in ein Biodigitales Ressourcenzentrum umzuwandeln.
Die katholische Kirche wird nicht unbedingt mit Innovationen in Verbindung gebracht. Wie kommt es, dass im Vatikan nun solche Fragen diskutiert werden? Wer hat dafür den Anstoß gegeben?
Das ist ein spannender Punkt. Die Grundlage auch für den jetzigen Workshop ist die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015. In dieser Enzyklika hat sich der frühere Papst schon damals sehr kritisch mit Aspekten wie der Umweltzerstörung, der Erschöpfung natürlicher Ressourcen und einer oft nicht nachhaltigen Lebensweise auseinandergesetzt. Kardinal Peter Turkson, der auch Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften ist, hat in seiner Einführung zum Workshop ausdrücklich Bezug darauf genommen.
Wer war beim Workshop dabei?
Neben der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften mit ihrem Präsidenten Joachim von Braun und dem Crop Trust als Gastgeber waren Vertreter der Welternährungsorganisation FAO und des International Plant Treaty dabei. Hinzu kamen Repräsentanten der CG-Zentren, der „Consultative Group on International Agricultural Research“ (CGIAR) sowie international sichtbare Vertreterinnen und Vertreter aus der Forschung zum Thema genetische Ressourcen. Mit Chris-Carolin Schön von der TU München, mir sowie Joachim von Braun waren wir zu dritt aus Deutschland.
Wie kam der Kontakt zu Dir zustande?
Ich bin direkt von der Päpstlichen Akademie und vom Crop Trust eingeladen worden. Zum Crop Trust haben wir seit Jahren eine sehr enge Verbindung, und dessen Direktor, Stefan Schmitz, war bereits mehrfach bei uns am IPK.
Du bist sicher als Leiter der Genbank eingeladen worden, die mit ihren mehr als 150.000 Mustern viel genetische Vielfalt erhält.
Ja, aber dieses Potenzial muss auch genutzt werden, der Schatz der Genbank muss daher vollständig erschlossen werden. In dem durch das BMFTR ab April geförderten Projekt „Twin“ geht es darum, am IPK einen umfassenden Katalog der allelischen Vielfalt der domestizierten Gerste zu erstellen. Die Daten stellen wir der Züchtung und der Forschung zur Verfügung, und sie werden eine elementare Datengrundlage für zukünftige Forschung am IPK darstellen. Solche Daten und Informationen brauchen wir grundsätzlich aber von allen Kulturpflanzen.
Was steht dem entgegen?
Technologisch jedenfalls nichts, es fehlt stellenweise das richtige Bewusstsein. Es muss uns gelingen, die Bedeutung der Pflanzenforschung als Grundlage der Nahrungsmittelsicherheit auch in Deutschland in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Nehmen wir nur das Beispiel der personalisierten Medizin und die Kosten der damit verbundenen Forschung, für die wir in Deutschland bereits, erhebliche Summen investieren. Vergleichbare Investitionen in die vollständige Erschließung der genetischen Ressourcen von Kulturpflanzen sind gut angelegtes Geld; es geht schließlich um unsere Ernährung und damit um unsere Lebensgrundlage. Insofern bin ich froh, dass ich unsere Forschung und Ideen in Rom vorstellen konnte und dass sich neben dem Crop Trust auch die Päpstliche Akademie der Wissenschaft dafür interessiert.
Neben dem großen Potenzial, das die Biodiversität und moderne Technologien bieten, gibt es aber auch Ungerechtigkeiten - etwa beim Zugang zu diesen Technologien oder zu Daten wie den Digitalen Sequenzinformationen. Wie wurde darüber diskutiert?
Natürlich schwingen Fragen des Nord-Süd-Konflikts bei solchen Diskussionen immer mit. Über einen Vorteilsausgleich bei der Nutzung Digitaler Sequenzinformationen (DSI) wird international bereits seit Jahren diskutiert. Und mit dem Kunming-Abkommen und dem sogenannten Cali-Fund wurde auch erstmals ein Instrument geschaffen, um monetäres Access and Benefit Sharing (ABS) aus der kommerziellen Nutzung sogenannter DSI, auch aus pflanzengenetischen Ressourcen, zu realisieren.
Bei Konferenzen und Workshops triffst Du meist Kolleginnen und Kollegen, gelegentlich auch Züchter und Politiker. Wie war es für Dich persönlich, jetzt in die Päpstliche Akademie der Wissenschaft eingeladen worden zu sein?
Das war ohne Frage sehr interessant und eine nicht alltägliche Erfahrung. Wir haben uns am Hauptsitz der päpstlichen Akademie getroffen, einer Villa auf dem Gelände des Vatikans. Morgens vor dem Treffen konnte ich ein wenig auf dem Gelände herumschlendern; ein ruhiger, idyllischer Ort, mitten in der pulsierenden Metropole Rom.
Wie geht es weiter?
Die Päpstliche Akademie der Wissenschaft und der Crop Trust haben bereits eine erste Stellungnahme nach dem Workshop veröffentlicht.
Info:
Kurze Interviews mit einigen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer finden Sie hier.
Die Stellungnahme finden Sie hier.